Spielend lernen und lernend spielen

Von Stefan Richter

Ohne zu begreifen, was das soll, beobachte ich das siebenjährige Mädchen, das gewissenhaft eine zehn Meter lange Perlenkette auf dem Schulflur ausrichtet. Als die Kette nun in einer geraden Linie entlang einer Kante des Linoleums liegt, frage ich das Mädchen, ob das nun so liegen bleiben soll.

„Ja, das bleibt so liegen. Da sollen die Kinder nachher mit spielen“, ist die Antwort des Kindes, und es liegt ein kleiner Vorwurf in seiner Stimme, wieso ich überhaupt fragen würde, das wäre doch wohl eindeutig. Ich schweige dazu, nehme die Antwort mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis.

 

Dann folge ich dem Mädchen in den Klassenraum, wo 25 weitere Kinder emsig beschäftigt sind. Schon fünf Minuten vor dem Beginn der ersten Stunde haben alle Schülerinnen und Schüler dieser ersten Klasse der Stralsunder Friedrich-Fröbel-Schule ihre Arbeitsmaterialien vor sich: einen hölzernen Bauernhof etwa, dessen Säuen, Zäunen und Häusern Petra und Sven die Artikel zuordnen, oder ein Malheft, aus dem Thomas Dinos abmalt. In einer Ecke des Raumes haben sich zwei Jungen einen Teppich ausgerollt, auf dem Papierschnipsel, eine Schere und Klebstoff liegen. Sie basteln. Was, wollen sie nicht verraten.

Es klingelt. Die erste Stunde dieses ganz normalen Schultages beginnt. Doch ein Unterschied zur Situation vor dem Klingeln ist nicht auszumachen. Nach wie vor liegt ein leises Rumoren über dem Raum. Kinder laufen hin und her, vom Schrank zum Tisch, um die Spielsachen zu tauschen, sprechen mit der Freundin oder dem Freund und überlegen gemeinsam, wie sie dieses Spiel wohl weiterspielen wollen. Andere melden sich. Dann kommt Sylvia Apel, die Lehrerin in dieser Klasse, zu ihnen. Die Kinder wollen ihr zeigen, was sie gemacht haben, sie fragen, wie sie es findet, ob es denn richtig sei. Und sie sagt ihnen, was sie denkt. Erklärt den Kindern, wo sie etwas anders gemacht hätte, korrigiert, wenn die Kinder ein Wort falsch geschrieben haben.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll, Frau Apel“, höre ich einen Jungen sagen, der seine Lehrerin mit traurigen Augen anschaut. Sie überlegt kurz und schlägt ihm dann vor, mit einem Holzbrett zu spielen, auf dem neun Halmasteine stehen. Zu diesem Brett gehört noch ein Kästchen mit unendlich vielen Kugeln aus Holz sowie ein weiteres mit Zetteln. Eine Viertelstunde beobachte ich den Jungen, dann gehe ich zu ihm, schaue ihm über die Schultern: Er rechnet. „63 : 7″ steht auf dem Zettel. Sieben Halmasteine am oberen Rand des Brettes. Am linken Rand stehen senkrecht die Zahlen von 1 bis 9. Der Junge zählt fleißig 63 Kügelchen aus, die er gewissenhaft in die Vertiefungen auf dem Brett legt, aber sieben Stück nebeneinander, soviele, wie Halmasteine am oberen Rand stehen. Nach einer ganzen Zeit intensiver Arbeit hat er das Ergebnis ermittelt: 63 : 7 = 9. Er räumt die Kugeln wieder ein, nimmt den nächsten Zettel, 81 : 9, und beginnt zu rechnen.

Die beiden Jungen, die auf dem Teppich in der Ecke des Zimmers schon vor der Stunde bastelten, haben nun das erste Ergebnis fertig. Auf einer hellblauen Pappe haben Kay und Peter Papierstücken aufgeklebt, die sie vorher ausgeschnitten und bemalt haben. Zunächst sehe ich nur buntes Papier auf blauer Pappe, und ich will die Jungen auch nicht fragen, da sie schon wieder dabei sind, ein weiteres Stück Papier zum Aufkleben vorzubereiten. Sie bemerken mich gar nicht, wie ich versuche, hinter das Geheimnis ihrer Arbeit zu kommen. Das sieht doch aus wie Afrika, schießt es mir durch den Kopf. Und richtig: Die beiden Jungen beschäftigen sich mit Geografie. Von einer Weltkarte, auf der die Erdteile bunt hervorgehoben sind, übernehmen sie die Umrisse auf das Papier, schneiden es aus und kleben es, nachdem sie es bemalt haben, auf die Pappe auf.

Sylvia Apel, die während der Stunde nicht nur ihre Schützlinge sondern auch mich fest im Blick hat, erklärt mir nun in drei Worten, worum es sich bei dieser Stunde handelt: „Das ist die Freiarbeit, das Kernstück der Pädagogik von Maria Montessori.“ Noch ehe ich eine weitere Frage stellen konnte, widmet sie sich wieder ihren Schützlingen, denn Katrin hat sich gemeldet und will ihr einen Satz zeigen, den sie zusammengestellt. Mimi rennt im Haus, hat sie geschrieben und fragt Frau Apel nun, ob alles richtig sei.

Auf der Suche nach dem Sinn der Freiarbeit schaue ich mich weiterhin um und beobachte, daß offensichtlich auch außerhalb des Klassenzimmers jemand etwas tut, denn die Tür ist einen Spalt auf. Von Zeit zu Zeit läuft ein Kind herein oder hinaus. Ich sehe nach. Auf dem Flur sitzen drei Kinder um die Perlenkette herum, die das Mädchen vor Beginn des Unterrichts entlang der Linoleumkante ausgerichtet hatte. Jeder Perle ordnen sie einen grünen, blauen, gelben oder roten Plastikpfeil zu, auf dem eine Zahl steht. Neun grünen Einern folgt ein blauer Zehner. Derer neun folgt ein gelber Hunderter, und am Ende der Kette liegt ein roter Tausender. Die Sisyphusarbeit, der sich die Kinder unterziehen, ergibt einen Zahlenstrahl von 0 bis 1000 und fördert ihre Ausdauer, Konzentration und Selbstdisziplin. Ein hartes Stück Arbeit, nach dem jeder Erwachsene erschöpft ist.

Aus dem Klassenraum ertönt ein leises Glöckchen, das bisher ungenutzt auf dem Lehrertischchen stand. Sylvia Apel mahnt die Kinder leise zur Einhaltung der wichtigsten Regel: Wir flüstern.

Eine Unstimmigkeit zwischen René und Frank droht mit Schlagen und Schubsen ausgetragen zu werden. Sylvia Apel ermahnt auch diese beiden ruhig und schlägt ihnen vor, wie sie ihr gemeinsames Problem klären können: „Ihr könnt doch miteinander sprechen!“ Sie versuchen es.

Wieder läßt Frau Apel das Glöckchen erklingen und sagt dazu ruhig: „Wir beenden unsere Freiarbeit. Alle Kinder räumen ihre Arbeitssachen in die Regale und nehmen, wenn sie fertig sind, ihr Frühstück heraus.“ Kay und Peter muß sie an die dritte (und letzte) goldene Regel erinnern: „Ehe wir etwas Neues anfangen, müssen wir die alte Arbeit beenden.“ Dazu gehört auch das Aufräumen, was manchem Kind wenig Spaß macht, doch ist es notwendig, damit die Ordnung im Klassenzimmer gewahrt bleibt.

In der Frühstückspause bietet sich mir die Gelegenheit, Antwort auf meine Fragen zu erhalten, die sich während dieser Stunde angestaut haben. Sylvia Apel verliert auch bei mir nicht die Geduld und erläutert mir den Sinn der Freiarbeit und wie es dazu kam, daß man sich in Stralsund der Montessori-Pädagogik widmet: „Die Freiarbeit ist, wie gesagt, das Kernstück dieser Pädagogik. Es geht dabei darum, daß die Kinder lernen, sich selbst Herausforderungen zu stellen, die ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen. Die Aufgabe des Lehrers ist es dabei, die Kinder zu beobachten und ihnen bei der Wahl der Aufgaben zu helfen sowie helfend und korrigierend einzugreifen, wenn die Kinder Schwierigkeiten mit der sich selbst gestellten Aufgabe haben. Allerdings muß der Lehrer sich zurücknehmen, um nicht Denkprozesse der Kinder zu zerstören. Die Arbeitsmaterialien, die Sie hier in den Regalen sehen, sind alle darauf ausgerichtet, daß die Kinder selbständig damit arbeiten können. Sie begreifen die Sachen natürlich als Spiele, und doch ist die Beschäftigung mit diesen Dingen für sie harte Arbeit. Die Kinder können selbständig oder im Team arbeiten, sich also entsprechend ihrer Natur die Arbeitsatmosphäre selbst schaffen, die ihnen am meisten liegt. Das geht allerdings nur, wenn die drei wesentlichen Regeln eingehalten werden, allen voran: Ruhe herstellen und bewahren, was auch nicht leicht ist für jedes Kind in diesem Alter, dessen Temperament naturgemäß auch mal durchgehen kann. Aber die Freiarbeit bietet mehr Möglichkeiten als der Frontalunterricht, die kindliche Spontaneität auszuleben. Dadurch bleibt ihr explosionsartiger Ausbruch in den Pausen aus. Das war auch der Grund, weswegen wir uns dieser Pädagogik widmeten.“

„Der weitere Tagesablauf ist in dieser Schule dann nicht anders als in anderen Grundschulen“, erläutert Sylvia Apel, die auch die Direktorin der Schule ist, „Es wird auch der anderenorts übliche Frontalunterricht gegeben, insbesondere da, wo Grundlagen gelegt werden sollen, die die Kinder dann in der Freiarbeit anwenden können.

Die Stralsunder Fröbelschule hat, wie ich weiter erfahre, nur sechs Klassen, die nach der Montessorimethode unterrichtet werden. Für das kommende Jahr sind weitere zwei Klassen bereits fest geplant. Auch an Stralsunder Haupt-, Real- und Gymnasialschulen sind perspektivisch Montessorizweige in der Überlegung.

„Beißt sich das nicht mit der offiziellen Schulpolitik des Landes?“, frage ich Frau Apel.

„Nein, im Gegenteil. Die Kultusministerin, Steffie Schnoor, war bereits in unserem Haus und hat sich unsere Arbeit angesehen. Und wir haben den Eindruck, daß sie diese Methode gutheißt. Wenn das nicht so wäre, würden wir hier nicht mehr arbeiten, denn auch die Lehrer unserer Schule sind Angestellte des Landes, und die Schule selbst ist von der Stadt getragen.“

Sylvia Apel und ihre Kolleginnen und Kollegen sehen optimistisch in die Zukunft und glauben, daß das Projekt der Schule am Grünhufer Bogen in der Hansestadt und landesweit Schule machen wird, im wahrsten Sinne des Wortes.

Dr. Maria Montessori

Geboren am 31. August 1870 in Chiaravalle, Provinz Ancona, Italien, war Maria Montessori zunächst Ärztin. Sie leitete eine Kinderabteilung an der psychiatrischen Universitätsklinik in Rom. Sie entwickelte Materialien, mit denen sie geistig behinderte Kinder erheblich fördern konnte. Ab 1898 übernahm sie eine staatliche Hilfsschule. 1904 wurde sie Lehrstuhlleiterin für Anthropologie an der Universität Rom. Ab 1907 übertrug Maria Montessori ihre pädagogischen Methoden auf normal begabte Kinder; sie übernahm die Leitung eines Kindergartens (Casa del bambini) in einer Arbeitersiedlung im römischen Stadtteil San Lorenzo. Ab 1912 ging sie auf Vortragsreisen und gründete in zahlreichen Ländern Vorschulen bzw. Kindergärten, Schulen und Lehrerbildungsinstitute. Im Zweiten Weltkrieg wirkte sie in Indien und auf Ceylon, danach in London, Rom und Amsterdam. Am 6. Mai 1952 verstarb Maria Montessori in Nordwijk aan Zee (Niederlande).

(Nach einem Informationsheft des Montessori-Arbeitskreises Stralsund MAKS e.V.)

Februar 1994

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