Pappaledig in Schweden
Von Stefan Richter
Seitenlang ist das Tagebuch der Familie Malmberg aus Halmstad in Schweden, das der 33jährige Familienvater auf der Homepage der Familie führt. Wir erfahren viel über die Malmbergs, insbesondere, dass Papa David mit den beiden Kindern Tindra (3) und Tim (1½) pappaledig war, d.h., er war im Erziehungsurlaub.
Das Recht auf Erziehungsurlaub ist in Schweden bereits seit 1962 im Kapitel 4 des Gesetzes über die allgemeine Versicherung festgeschrieben. In seiner vierzigjährigen Geschichte wurde das Gesetz fast jährlich umgeschrieben. 1974 erhielten auch die Väter das Recht auf bezahlten Erziehungsurlaub für ihre Kinder. 1995 wurde ihm dann ein spezielles Erziehungsurlaubsgesetz zur Seite gestellt. Beide Gesetze regeln die grundlegenden Voraussetzungen des Erziehungsurlaubes.
Mitte des Jahres 2002 machten die großen Tageszeitungen mit der Schlagzeile auf: Bis zu 16 000 Kronen mehr für Familien mit Kindern! Ein Wahlversprechen der regierenden Sozialdemokraten. Und tatsächlich wird derzeit eine Erhöhung des Erziehungsgeldes, das hier wörtlich übersetzt Elterngeld heißt, in Aussicht gestellt, die bis zu 16 000 Kronen, rund 2000 €, im Jahr ausmachen kann, aber nur in Familien mit ohnehin besserem, aber wiederum nicht zu gutem Einkommen. Anders als in Deutschland beläuft sich das Erziehungsgeld in Schweden auf 80% des letzten Einkommensjahres, allerdings nur bis zu einer Einkommenshöchstgrenze von 22 875 Kronen, ca. 2500 €, monatlich. Und genau wie das Einkommen wird auch das Erziehungsgeld mit 30% besteuert.
Im Klartext heißt das: Wer vor der Geburt eines Kindes ein hohes Einkommen hatte, wird auch nach der Geburt eines Kindes nicht untergehen. Es bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass diejenige Familie, deren Einkommen vor der Geburt schlecht war, nach der Geburt eines Kindes vom Erziehungsgeld weder leben noch sterben kann. Der eben erhöhte Mindestsatz von 120 Kronen, rund 15 € minus 30% Steuern, pro Tag reicht eben nicht. Und zum dritten schneiden sich sehr gut Verdienende nur ins eigene Fleisch, wenn sie Erziehungsurlaub nehmen.
Zur Praxis des schwedischen Erziehungsurlaubes gehört aber auch, dass er nicht als Ganzes genommen werden muss. Man hat Anrecht auf insgesamt 480 Tage Erziehungsurlaub für ein Kind und weitere 180 Tage für jedes weitere Kind bei Mehrlingsgeburten. Dieser Erziehungsurlaub kann aber je nach Bedarf und Möglichkeit gestückelt werden bis die Kinder acht Jahre alt geworden sind. Darüber hinaus muss der Erziehungsurlaub zwischen Vater und Mutter geteilt werden, wenn gemeinsames Sorgerecht besteht. Nur wenn der andere Partner ausdrücklich auf seinen Pflichtanteil von 60 Tagen verzichtet, kann der Erziehungsurlaub von einem der beiden Partner genommen werden.
In anderen Fällen wird nur teilweise Erziehungsurlaub genommen. Da gibt es die Möglichkeit, Viertel-, halbe oder auch Dreivierteltage zu nehmen, um somit gerade für Freischaffende und kleine Unternehmer Flexibilität bei der Arbeit und natürlich dadurch mehr Zeit für unbd mit den Kindern zu erhalten – und als kleiner Nebeneffekt – noch etwas Geld in die Hauhaltskasse zu treiben. Bei mehreren Kindern im fraglichen Alter allerdings ist es nur möglich, für ein Kind Erziehungsgeld zu erhalten. Bei vollem Erziehungsgeld für ein Kind verschwindet aber auch der Anspruch auf einen Kindergartenplatz – für alle Kinder der Familie, wobei die meisten Gemeinden in dieser Frage eine eher harte Linie fahren. Das wird sich ab 1. Januar 2003 insofern ändern, dass die Vier- und Fünfjährigen drei Stunden täglich Anspruch auf Vorschulaufenthalt haben werden, übrigens gratis.
Die Praxis zeigt aber auch, dass oft der Mann zu Hause bleibt – und genau dafür ist Schweden bekannt. Über den Hauptgrund, der oft dahinter steckt, wird geschwiegen: Der Mann hat meistens das bessere Einkommen, ergo, ein Erziehungsurlaub des Mannes bringt trotz allem noch mehr Geld in die Haushaltskasse als der der Frau. Übersteigt sein Einkommen jedoch die Höchstgrenze, wird er sich hüten, Erziehungsurlaub zu nehmen. Dann nimmt ihn natürlich die Frau. Oft aber nimmt ihn auch keiner von beiden, und man wurschtelt vor sich hin mit Viertel- und halbem Erziehungsurlaub und „fliegender“ Übergabe des Babys an der Wohnungstür.
Ein anderes Problem sind die Arbeitgeber. Wie eine Studie der Zeitung „Dagens Arbete“ zeigt, stehen Männer und Frauen, die den Erziehungsurlaub angetreten haben, nach dieser Zeit oft ohne den Job da, den sie verlassen haben und müssen oftmals neu anfangen. Dabei sind des öfteren Fälle nachgewiesen, dass an den Arbeitsplatz zurückgekehrte Eltern, die Karriereleitern in ihrem Betrieb neu besteigen mussten. Bei teilweisem Erziehungsurlaub gehen Arbeitgeber oft davon aus, dass die Arbeitszeiten wieder eingearbeitet werden sollen.
Trotz all den Problemen, die der Erziehungsurlaub mit sich bringt, erleben die Väter ihren Erziehungsurlaub weitgehend positiv, wie vielfältige Berichte von pappaledigen Vätern bezeugen. Man empfindet die Auskopplung aus dem Arbeitsstress, um mit den Kindern zusammen sein zu können, als überwiegend positiv, auch wenn der Stress zu Hause mit den lieben Kleinen auch kein Auge trocken lässt, wie Fredrik Dynewall aus Göteborg, Vater der vierjährigen Tove und des einjährigen Hugo, in einem Satz zusammen fasst: „Man wird müder nach einem Tag zu Hause mit den Kindern als nach einem Tag auf Arbeit“.
Aber die andere Seite der Medaille ist die Möglichkeit, das Aufwachsen des Kindes zu erleben, sein erstes Wort zu hören, die ersten Schrittchen zu sehen. Das Internettagebuch des am 12. Juli 1997 in Huddinge geborenen Niklas Johan Björk ist voll von solchen liebevollen Beobachtungen des Heranwachsens dieses kleinen Kerls. Und der Autor des Tagebuches ist natürlich Papa Kjell, der drei Monate pappaledig mit Niklas war.
Und auch Mohamed Hagi Farah aus Rinkeby bei Stockholm bestätigte gegenüber der Einwandererzeitung „sesam“, dass sein Erziehungsurlaub mit seinem Kind fantastisch gewesen sei, auch wenn er anfangs Angst vor der eigenen Courage gehabt hatte. „Die selben Gefühle, die die Mutter bereits zu dem Kind im Bauch entwickelte, konnte ich nun nach seiner Geburt zu ihm aufbauen“, sagt er und ruft die Väter auf, in den Erziehungsurlaub zu gehen.
Herbst 2002

Dezember 11, 2008 at 22:23
Hallo, es grüßt sie sehr herzlich fam. malmberg aus grossheise in deutschland. würden uns sehr freuen von ihnen zu lesen. der ursprung unserer familie liegt in malmberget
Bernd Malmberg