Kulturbrücke 2000 – eine kulturelle Verbindung
zwischen Skandinavien und dem Kontinent
Im Herbst 2000 wird die Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö eröffnet werden. Im Zusammenhang damit findet die Biennale „Kulturbrücke 2000″ statt, an der mehrere Dutzend Kulturinstitutionen auf der dänischen Insel Seeland und in der südschwedischen Provinz Skåne teilnehmen. Eine von ihnen ist das Kunstmuseum im schwedischen Ystad, wo die Vorbereitungen darauf bereits jetzt auf Hochtouren laufen.
Thomas Millroth sitzt mir gegenüber an dem runden Tisch in seinem kleinen Büro im Kunstmuseum in Ystad und gerät ins Schwärmen, wenn er über die Möglichkeiten spricht, die die Biennale Kulturbrücke 2000 speziell seinem Haus bietet:
„Sonic Youth wird kommen, und sie werden mit Mats Gustafsson und Jim O’Rourke spielen. Die Audio Ballerinas mit Elizabeth Brodin werden da sein. Vielleicht kommt auch Sainkho Namtchylak.“
Ich spüre: Der Mann verwirklicht ein Traumprojekt. Und so ist diese Biennale auch angelegt.
Am 15. September 2000 wird die Öresundbrücke eröffnet, die Malmö und Kopenhagen miteinander verbinden wird. Dänemark und Schweden rücken näher zusammen. Das soll auch für die Kultur gelten, dachten die Initiatoren der Kulturbrücke 2000 und eröffneten einen Fond. Alle Kulturschaffenden und Kulturinstitutionen der Öresundregion wurden eingeladen, ihr Traumprojekt mit Hilfe des Fonds zu verwirklichen. Vielfältige Projekte wurden beiderseits der Meeresenge ausgearbeitet und dem Fond vorgelegt. Dieser verteilte dann das notwendige Geld. Entstanden ist eine Veranstaltungsreihe, die vom 15. September bis zum 15. Dezember 2000 an verschiedenen Orten der südlichsten schwedischen Region Skåne sowie auf der dänischen Insel Seeland ein breites Spektrum von Kulturereignissen zeigen wird. Neben führenden Museen, wie dem Museum Louisiana im dänischen Humlebæk, dem Rooseum in Malmö und dem Staatlichen Museum für Gegenwartskunst in Roskilde, neben hervorragenden Klangkörpern, wie dem Sinfonieorchester Helsingborg, sowie vielen Theatern, Galerien und anderen Kulturinstitutionen der Region hat auch das Kunstmuseum in der südschwedischen Fachwerkstadt Ystad die Einladung angenommen und sein Traumprojekt ausgearbeitet, um es nun in die Tat umzusetzen.
Thomas Millroth, Leiter des Kunstmuseums in Ystad und Motor des Projektes, sieht das Projekt in Ystad als Grenzprojekt zwischen den Genres Musik, Tanz, Grafik, Literatur und Design. Außerdem hat Ystad als Hafen an der Seegrenze zu Deutschland und Polen eine besondere Bedeutung. So wird auch das Programm in Ystad deutliche Verbindungen zwischen der Öresundregion und den südlichen Nachbarn herstellen. Darüber hinaus ist es das Ziel Thomas Millroths, die teilnehmenden Künstler selbst über Grenzen ihrer Genre hinweg tätig werden zu lassen sowie die Grenzen der Kunst auszuweiten.
„Ich stelle mir vor“, sagt der Museumschef, der gleichzeitig Schriftsteller ist, „daß die Künstler hier die Möglichkeit erhalten, sich nach Herzenslust zu entfalten, sich innerhalb ihrer Genre zu treffen, aber auch neue Genre auszuprobieren.“
Besonders die Grafikwerkstatt in Brösarp soll Raum für diese übergreifende Arbeit bieten. Von März an steht die Werkstatt interessierten Künstlern für ihre Arbeit zur Verfügung. Ab September dann sollen die Ergebnisse der Arbeit in Ausstellungen vorgestellt werden. Kernpunkt dieser Workshops wird die Herstellung der Künstlerbücher sein: Künstler der verschiedenen Richtungen sollen sich in einem Buch mit ihren Arbeiten vorstellen. Die Idee für diese Künstlerbücher hat Thomas Millroth aus Deutschland mitgebracht. Das Neue Kunsthaus Ahrenshoop hat in der Vergangenheit schon mehrfach solche Künstlerbücher als Resümee seiner Veranstaltungen herausgegeben. Auch in Ystad wird das Kunsthaus durch Gerlinde Kreutzburg vertreten sein.
Der eigentliche Auftakt der Veranstaltungen im Rahmen der Biennale Kunstbrücke 2000 wird in Ystad allerdings erst am 16. September 2000 mit einer Vernissage zu einer Ausstellung mit Werken der deutschen Künstler Martin Kippenberger, Rosemarie Trockel und Norbert Kricke im Kunstmuseum. Daran werden neben künstlerischen Freunden des 1997 verstorbenen Martin Kippenbergers auch die Audio Ballerinas um Benoît Marbeux und Elizabeth Brodin aus Berlin teilnehmen. Diese Ballettruppe verwandelt mit Hilfe moderner Aufnahme- und Wiedergabetechnik, die in den Ballettröcken untergebracht ist, alltägliche und nichtalltägliche Geräusche in ein Spiel aus Musik, Bewegung, Farbe und Licht.
„Die werden kommen, und sie werden spielen mit den Geräuschen der Straße, aber auch mit der Musik des Frankfurter Saxofonisten und Akkordeonisten Rüdiger Carl sowie des Trommlers und Poeten Sven-Åke Johansson aus Berlin. Hinzu kommen der Bassist Peter Kowald aus Wuppertal sowie der Saxofonist Mats Gustafsson aus Stockholm. Sie alle werden zusammen spielen, improvisieren, und die Audio Ballerinas werden ihre Musik in Tanz umsetzen. Eventuell kommt auch die tuwinische Kehlkopfsängerin Sainkho Namtchylak, auf die ich mich jetzt schon wahnsinnig freue“, begeistert sich Millroth. Seine Begeisterung verspricht ein hinreißendes Fest der Künste.
Voraussichtlich am 17. September wird dann in der Galerie Neon in Brösarp die Ausstellung eröffnet werden, die das ganze Frühjahr und den ganzen Sommer über von verschiedensten Künstlern aus Deutschland, Dänemark und Schweden vorbereitet worden sein wird. Mit dabei sein werden neben vielen anderen Albert Oehlen, Ola Billgren, Annika Svenbro, Klaus Walter, das Neue Kunsthaus Ahrenshoop, der Uwe Warnke Verlag mit Gerhild Ebel und Ottfried Zielke, Gert Aspelin, Ulf Trotzig, Barbro Ravander und Mari Rantanen sowie die Nachwuchskünstlerinnen Sofia Kroon und Clara Hall. Angesagt hat sich außerdem der dänische Poet Inger Christensen.
„Natürlich werden die ortsansässigen Künstler, wie die Maler Edna Hinnersson und Savva Günther, mit dabei sein, und selbstverständlich ist diese Grafikwerkstatt offen für alle Interessenten aus Nah und Fern.“, unterstreicht Thomas Millroth mit einem erwartungsfrohen Leuchten in den Augen.
Eine wichtige Woche innerhalb dieser Veranstaltungsreihe wird die Woche vom 7. bis 14. Oktober sein. Auftakt dazu sind zwei Konzerte mit der amerikanischen Rockband Sonic Youth und ihren Freunden am 7. und 8. Oktober im Theater in Ystad. (Den fragenden Blick des Zuhörers beantwortet der Museumschef mit einer kurzen Replik: Ohne Sonic Youth kein Nirwana, eine Band also, an der sich bedeutende Bands der amerikanischen Rockmusik orientiert haben.)
„Die werden hier sein!“, sagt er auch hier. Und es schwingt Stolz mit, diese Kultband in die schwedische Provinz geholt zu haben.
„Wenn Mats Gustafsson kommt, kommen wir auch“, soll Bandmitglied Lee Renaldo bei den Vorgesprächen in New York gesagt haben.
Über diese beiden Konzerte hinaus werden sie sich wiederum an Workshops und Jam-Sessions beteiligen. Wiederum werden sie auf die Audio Ballerinas treffen, aber auch auf den Gitarristen Jim O’Rourke aus Chicago, auf den Einstürzende-Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld und natürlich auf Mats Gustafsson, mit dem sie gemeinsam ein von ihm komponiertes Kabinettstück einspielen werden.
„Ein Kabinettstück im wahrsten Sinne des Wortes soll es werden. Die Musiker werden in verschiedenen Kabinetten des Kunstmuseums sitzen und ihre Parts spielen und darüber improvisieren, während Mats alles zu einem Guß mischen wird“, erklärt Millroth und fügt hinzu: „Natürlich werden auch die anderen mit von der Partie sein, Jim O’Rourke, zum Beispiel, oder Blixa Bargeld.“
„Speech, Sound, Music“ ist das Motto eines Festivals im Festival. Rolf Julius, der Klangkünstler aus Berlin, wird am 14. Oktober seine Klanginstallationen in den Räumen des Kunstmuseums aufbauen. Elizabeth Brodin wird seine Klangräume tanzend ausfüllen. In den Klangräumen des Rolf Julius wird dann am 14. Oktober Sonic-Youth-Musiker Lee Renaldo lesen, während seine Kollegen Thurston Moore und Kim Gordon gemeinsam mit Sven-Åke Johansson spielen werden. Die Audio Ballerinas um Chefballerina und Choreografin Elizabeth Brodin werden den Tönen Bewegung verleihen. Am 15. Oktober sind Lee Renaldo und Blixa Bargeld sowie viele andere in der Galerie Neon in Brösarp zu Gast.
Neben den Veranstaltungen in Ystad und Brösarp sind im Rahmen der Biennale weitere Veranstaltungen in der Region geplant, so in den Kunsthallen Kabusa und Tomelilla, dem Kunsthof Tjörnedalagården in Baskemölla sowie dem Englischen Buchcafé in Ystad.
Herbst 2000
