Jiddischkeit im Musterland

Der schwedische Autor Salomon Schulman bricht mit seinem neuen Buch Tabus in seinem nordeuropäischen Mutterland. Stefan Richter hat es gelesen.

„Das erstickte Gekrächze meines Kehlkopfes durchkreuzte hemmungslos die furchtbar klingenden Vierteltöne. Mit einem tierischen Blöken schwor ich unter dem Toravorhang, für immer Sozialist zu bleiben“, schreibt Salomon Schulman in seinem jüngsten Buch „Ur själens getto“, das im Frühjahr im schwedischen Original im Buchverlag Nya Doxa erschienen ist und nun unter dem Arbeitstitel „Aus dem Ghetto der Seele“ behutsam ins Deutsche übersetzt wird.

Mit Fug und Recht kann man konstatieren, dass der Autor sich treu geblieben ist, auch wenn er mit einem tränenden und einem lachenden Auge zusehen musste, wie seine Zwillingssöhne auf den Hügeln von Galiläa Bar Mitzwa wurden. Und seine „Jungs standen zu dem, was sie dachten, im Gegensatz zu mir in ihrem Alter. Ich wollte absolut kein Bar Mitzwa werden“, fügt er im gleichen Abschnitt seines Buches hinzu.

Schulmans unbeugsames Misstrauen und Unverständnis gegenüber Religionen im Allgemeinen und der Religion seiner Väter im Besonderen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, das den Untertitel „Ein jüdisches Tagebuch“ führt. Und das ist es denn auch, ein Tagebuch durch das jüdische Jahr im schwedischen Einheitsbrei, gesehen mit den Augen des Autors und Kinderarztes, eines der wenigen frei zugelassenen übrigens im Musterland, das eine Sammlung von lose in schwedischen Zeitungen und Zeitschriften publizierten Artikeln zum aktuellen Zeitgeschehen darstellt. Dass sein Heimatland dabei durch die Brille des 54jährigen nicht gerade gut bei wegkommt, ist sicherlich nicht nur Nebenprodukt des Buches.

Geboren 1948 in Malmö als Sohn von jüdischen Flüchtlingen aus Polen, die nach der Hölle von Auschwitz in Schweden gestrandet sind, sieht sich Schulman auch heute noch als Einwanderer – und das trotz all seiner im Buch auch dokumentierten Versuche, sich die schwedische Kultur zu eigen zu machen. Sicher beherrscht er die Sprache und kennt die Kultur, wie kaum ein Zweiter. Dennoch ist Schulman außerhalb dieser Kultur verwurzelt. Diese Wurzeln sind es, die ihn beim Schreiben dieses Buches antrieben.

Neben einer unwahrscheinlich reichen Sprache ist es die rücksichtslose Klarheit des Textes, die diese Sammlung zu einer geeigneten Lektüre machen, um sich mit dem teilweise obskuren Alltag der säkularen Juden in Schweden und vermutlich ganz Westeuropa auseinander zu setzen. Beim Rundumschlag Schulmans kommt keiner zu kurz: Die überaus stark nach ethnischen wie religiösen Gesichtspunkten gespaltene Gemeinschaft innerhalb der kleinen jüdischen Gemeinde von Malmö wird ebenso aufs Korn genommen, wie die Eigenheiten der einzelnen Gruppierungen, aber eben auch die versteckte Intoleranz und das weit verbreitete Unverständnis für andere Lebensart und Religion innerhalb der schwedischen Bevölkerung, die gern alles vereinnahmt und verschwedelt, ob das der deutsche Mittsommerbaum ist, die dänische Geschichte Südschwedens oder eben die jüdische Menorah, die in keiner Kirche und in keinem weihnachtlich geschmückten Zimmer fehlen darf. Das Lachen bleibt dem Leser im Halse stecken bei der Beschreibung des Weihnachtsbaumes in seinem Vaterhaus, „der so klein sein musste, dass er notfalls verschwinden konnte, wenn ein Glaubensgenosse auf die Idee kommen würde, uns an den Weihnachtsfeiertagen zu besuchen.“ Ebenso bei der Wiedergabe der Verballhornung der schwedischen Sprache durch die eingewanderten deutschen und polnischen Juden, die wohl in der Übersetzung kaum wiederzugeben sein wird. Aufgehorcht wird allerdings bei der Beschreibung der Sitzordnung in der Synagoge, wo „die deutschen Juden die schwedischen und die polnischen wie ein Schützengraben voneinander trennen“ und bei der Darstellung dessen, dass die deutschen Juden, die bereits in den dreißiger Jahren nach Schweden gekommen waren, auf die polnischen herabsahen, die die Konzentrationslager überlebt hatten und dann erst ins Land kamen.

Aber nicht genug dessen: Das Buch ist auch ein Plädoyer für eine sterbende Sprache, das Jiddische, wie die Rezensentin Eva Ström in der Maiausgabe der einzigen jüdischen Zeitschrift Schwedens, der „Judisk Krönika“, treffend bemerkte. Tatsächlich bricht Schulman mit diesem Buch eine Lanze für seine Muttersprache, die bis auf den heutigen Tag, eine von drei Sprachen ist, die man im Hause Schulman in der Lunder Adelgatan anwendet: Während er mit seiner aus Uruguay stammenden Ehefrau Jiddisch spricht, verwendet sie im Gespräch mit den Söhnen das Spanische, er dagegen das Schwedische, was auch die Söhne zu Polygloten macht. Aber über den Hausgebrauch hinaus ist Schulman heute der unumstrittene Fachmann für jiddische Literatur in Schweden. Aus seiner Feder stammen unzählige Übersetzungen von jiddischen Texten ins Schwedische. Und nachdem er sich mit seinem vorhergegangenen Buch „Jiddischland“ auf den Weg in seine alte Heimat, die vernichtete jüdische Welt Osteuropas aufgemacht hatte, wurde er zur Koryphäe auf diesem Gebiet erklärt und nahm unter anderem im Frühjahr diesen Jahres an einem Jiddischkongress in Oxford teil.

„Aus dem Ghetto der Seele“ ist ein lebendiger Spiegel jüdischer Befindlichkeiten im Musterland der Toleranz Schweden, in dem auch nur mit Wasser gekocht wird und nicht alles Gold ist, was glänzt.

Salomon Schulman: Aus dem Ghetto der Seele (Arbeitstitel). Ein jüdisches Tagebuch

(Originaltitel: Salomon Schulman: Ur själens getto. En judisk dagbok. – Nora: Bokförlaget Nya Doxa, 2001. – ISBN 91-578-0390-0)

2002

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